„Wir haben uns nichts mehr zu sagen“ – für den Paartherapeuten Dr. Rudolf Sanders ist das kein Ende, sondern ein Anfang. Wer mit ihm spricht, merkt schnell: Hinter jedem Beziehungsproblem steckt eine Chance. Im Interview berichtet er, wie Paare festgefahrene Muster durchbrechen und Nähe wiederfinden können und warum er überzeugt ist, dass fast jede erkaltete Liebe eine Auferstehung erleben kann.
Was beobachten Sie bei den Paaren, die zu Ihnen kommen?
Dr. Rudolf Sanders: Die ganz klare Botschaft, mit der sie sich auf den Weg zu einer Beratungsstelle machen, ist: Helft uns, unsere Beziehung zu retten. Da kommen zwar erst mal so Aussagen, wie „Wir haben uns nichts mehr zu sagen“ oder „Die Liebe ist erkaltet“. Ich sage dann immer: „Wenn Sie sich nichts zu sagen haben, wissen Sie nur nicht, wie es geht. Aber das kann man lernen. Ich bin an Ihrer Seite.“ Auch sehr viele junge Paare kommen, weil sie das, was sie selbst in ihrer Herkunftsfamilie erlebt haben an Trennung und Scheidung, nicht an ihre Kinder weitergeben möchten.
Sie sagen, Beziehungsprobleme sind in einer Partnerschaft normal, aber es ist wichtig, sich ihnen zu stellen. Wie macht man das?
Dr. Rudolf Sanders: Wo kommen denn Beziehungsprobleme her? Wir lernen Beziehung in unserer Herkunftsfamilie. Viele Menschen, die zu uns in die Beratung kommen, sind größtenteils in ihrer Kindheit in ihrem Bindungsbedürfnis verletzt worden. Sie haben Eltern erlebt, die aus den verschiedensten Gründen nicht wirklich präsent für sie waren. Diese Kinder entwickeln Überlebensstrategien, um sich vor weiteren Verletzungen zu schützen. Führen sie dann als Erwachsene selbst eine Beziehung und ist die erste Verliebtheitsphase vorbei, kommen auf einmal die alten Muster aus Kindertagen wieder hoch für das nahe Miteinander. Und genau das ist der Schlüssel, da die Paare hinzuführen und zu sagen: Der andere kann im Moment nicht anders, der verwechselt dich mit Mutter und Vater. Der Schlüssel ist, diese alten Muster für sich selbst zu erkennen und diese zu integrieren, das heißt liebevoll anzunehmen. Hier begleiten wir therapeutisch. Übrigens, wir unterstellen Eltern nie etwas. Die haben alle ihr Bestes getan, die hatten ja auch ihre Geschichte.
Ihr Motto ist: Was man noch nicht kann, kann man noch lernen. Was lernen Paare in der Partnerschule?
Dr. Rudolf Sanders: Es haben sich drei wesentliche Übungen herauskristallisiert. Das eine ist die Standübung. Sie hilft, einen eigenen Stand zu finden, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und auch Treue sich selbst gegenüber zu entwickeln. Ziel ist eine sozialbezogene Autonomie, die den anderen immer mitdenkt. Denn nur am Du kann ich zum Ich werden. Die zweite wichtige Übung ist die mit den Gefühlszetteln. Sie hilft, sich seinen eigenen Gefühlen bewusst zu werden und sie auch dem anderen mitzuteilen. Und die mittlerweile wichtigste Übung ist das spiegelnde Resonanzgespräch. Hier lernen die Paare, wirklich zuzuhören. Die tiefe Sehnsucht, gehört und verstanden zu werden, wird hier bedient. Und das bringt die Beziehung in eine ganz neue Qualität.
Manche Paare scheuen sich, für ihre Probleme professionelle Hilfe zu suchen. Manchmal weigert sich auch einer der Partner. Was raten Sie den Paaren?
Dr. Rudolf Sanders: Ich empfehle auf jeden Fall dem einen, sich Hilfe zu holen, und dem anderen zu sagen: „Ich gehe da hin, ich hole mir Hilfe.“ Und ihn zu bitten: „Komm um meinetwillen mit.“ Dann ist es meine Aufgabe als Berater, beide zu gewinnen. Sie müssen im ersten Kontakt spüren: Hier passiert dir nichts. Hier bist du angenommen, wohlwollend angenommen. Hier schimpft keiner mit dir. Ich sage immer: „Wissen Sie was, bei mir können Sie nur alles richtig sagen.“
Sehen Sie Hoffnung für jedes Paar?
Dr. Rudolf Sanders: Ja, die sehe ich. Wenn beide das wollen. Wir beten im Glaubensbekenntnis: … gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tag aber auferstanden von den Toten … Das ist Liebe für mich. Und das ist das, was in der Ehe passieren muss. Ich gehe als Berater mit den Paaren in das Reich des Todes, weil ich an die Auferstehung glaube. Und das auch sehr oft erleben darf.
Wie viel Zeit sollte man täglich, unabhängig von akuten Problemen, für die eigene Partnerschaft investieren?
Dr. Rudolf Sanders: Fünf Mal am Tag sollte man sich in den Arm nehmen. Und sich täglich eine halbe Stunde Zeit nehmen, um die Liebe zueinander zu spüren. Das heißt, ich erzähle von mir, du erzählst von dir oder wir sind einfach da, setzen uns raus in die Sonne und trinken Kaffee. Man kann sich auch fünf Minuten nur an den Händen halten. Aber ohne Handy oder sonstige Ablenkung. Es geht darum, ganz präsent zu sein. So eine Liebe muss gepflegt werden, damit sie sich weiterentwickeln kann.
Interview: Elfriede Klauer, In: Pfarrbriefservice.de
Dr. Rudolf Sanders
Dr. Rudolf Sanders, 1951 geboren, ist Diplompädagoge und Integrativer Paartherapeut (FPI/EAG). Als Leiter der Ehe- und Familienberatungsstelle der Katholischen Kirche Hagen & Iserlohn (1990 bis 2016) entwickelte er die Partnerschule, ein Beziehungs-Kompetenzen-Training auf wissenschaftlicher Basis. Da dieses nachweislich Trennung und Scheidung vermeidet, wird die Partnerschule seit 2016 in der „Grüne Liste Prävention“ beim Justizministerium in Niedersachsen geführt. Seit seiner Berentung ist Sanders ehrenamtliches Mitglied im Vorstand der DAJEB Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Jugend-, Ehe- und Partnerschaftsberatung.